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| Im Zeichen des Horns |
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Hupen, hupen, hupen, auf deutschen Straßen ein sicheres
Zeichen von Aggressivität, gehört in Indien zum guten Ton. Was aber
nicht heißen soll, dass die Inder den entspannten Fahrstil erfunden haben.
Zwar kommt es kaum zu den in Deutschland schon alltäglichen Emotionsausbrüchen
und Handzeichen, nachgegeben wird aber nur im äußersten Notfall. Und
selbst dann nicht immer. Da helfen auch beschwichtigende Texte auf den Verkehrsampeln
wenig.
Die
permanente Huperei ist aber unverzichtbar. Indische Autos haben selten Außenspiegel
- falls doch, dann sicher nicht lange. Deshalb machen sich Überholende akustisch
bemerkbar, denn wenn nichts zu hören ist, wird bei Bedarf einfach ausgeschert.
Viele LKWs fordern dies mit einer entsprechenden Aufschrift am Heck ihrer Transporter:
Horn please! Besonders geachtet werden sollte unbedingt auch auf Fußgänger
am Straßenrand. Wer die Straße überqueren will, läuft einfach
darauf los. In solchen Fällen nicht zu hupen, gleicht einem Mordversuch.
Alles, was den Weg kreuzt oder kreuzen könnte, wird in Indien angehupt. Alles,
nur keine Rinder. Denn die Kuh ist hier tabu. Sie genießt bei den Hindus
praktisch Narrenfreiheit. Kühe sind die Verkehrsteilnehmer, die sich mit
Abstand am sichersten fühlen können. Und sie scheinen es zu wissen.
Mit einer manchmal schon provokanten Ruhe überqueren sie selbst große
Hauptstraßen in und außerhalb von Städten, bleiben stehen und
starren die Autos an, die sie wie Slalomstangen umkurven. Oder legen sich hin
und käuen wieder oder dösen. Sollte tatsächlich mal eine Kuh angefahren
werden, kommt sie schnellstens in ein Krankenhaus, in dem alles unternommen wird,
damit sie dieses unverzeihliche Malheur möglichst gut übersteht.
Hindus betrachten die Kuh als lebendes Symbol der Mutter Erde. Diesen heiligen
Status bekam sie von den Indoariern - vor rund 3500 Jahren eingewanderten Hirtennomaden
-, die bei Opferritualen diverse Milchprodukte verwendeten. Bis heute hat sich
an dem vielseitigen Einsatz nichts geändert; alles, was die Kuh von sich
gibt, wird verwertet. Die Milch landet im Tee, wird zu Lassi - einer Art Joghurt
- oder zum Butterschmalz "Ghee" verarbeitet. Dem Urin wird heilende
Wirkung nachgesagt, und Kuhfladen dienen als Brenn- und Baumaterial.
Nicht zu unterschätzen ist auch ihre Funktion als Recycling-Unternehmen.
Lebensmittelreste, Papier, Karton, Stoffreste und noch vieles mehr verputzen die
heiligen Tiere. Was dabei herauskommt, wird dann wieder verwendet. Es besteht
also überhaupt kein Bedarf, die Straßen zum Beispiel nach einem Markt
zu säubern. Die Müllabfuhr muss nicht extra gerufen werden, oft ist
sie schon früher da als gewünscht und bedient sich an den Ständen.
Das
zu unterbinden, ist ein heikles Unterfangen, denn forsches Auftreten gegenüber
einer Kuh wird gar nicht gern gesehen. Was über eindringliche Überredungskünste
und festes Streicheln hinausgeht, kann unerfreuliche Folgen haben.
Und weil die Kühe so gut behandelt und geachtet werden, wirken sie in der
Regel sehr entspannt. Autofahrer, Radler und Fußgänger brauchen also
keine Angst zu haben, von wahnsinnigen Rindviechern überrannt und aufs Horn
genommen zu werden. So viel Vertrauen den restlichen Verkehrsteilnehmern entgegenzubringen,
ist jedoch nicht ratsam. Also: hupen, hupen, hupen.
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