ph15.deStories - Im Zeichen des Hornsph15.de
Stories

Galerie

Webdesign

Moderne Kunst

Moderne Fotografie

Schmuck

Cartoon

Kontakt

Impressum

Partner & Co
1 2 3 4 5

Startseite



 
Im Zeichen des Horns
 
Hupen, hupen, hupen, auf deutschen Straßen ein sicheres Zeichen von Aggressivität, gehört in Indien zum guten Ton. Was aber nicht heißen soll, dass die Inder den entspannten Fahrstil erfunden haben. Zwar kommt es kaum zu den in Deutschland schon alltäglichen Emotionsausbrüchen und Handzeichen, nachgegeben wird aber nur im äußersten Notfall. Und selbst dann nicht immer. Da helfen auch beschwichtigende Texte auf den Verkehrsampeln wenig.

Die permanente Huperei ist aber unverzichtbar. Indische Autos haben selten Außenspiegel - falls doch, dann sicher nicht lange. Deshalb machen sich Überholende akustisch bemerkbar, denn wenn nichts zu hören ist, wird bei Bedarf einfach ausgeschert. Viele LKWs fordern dies mit einer entsprechenden Aufschrift am Heck ihrer Transporter: Horn please! Besonders geachtet werden sollte unbedingt auch auf Fußgänger am Straßenrand. Wer die Straße überqueren will, läuft einfach darauf los. In solchen Fällen nicht zu hupen, gleicht einem Mordversuch.

Alles, was den Weg kreuzt oder kreuzen könnte, wird in Indien angehupt. Alles, nur keine Rinder. Denn die Kuh ist hier tabu. Sie genießt bei den Hindus praktisch Narrenfreiheit. Kühe sind die Verkehrsteilnehmer, die sich mit Abstand am sichersten fühlen können. Und sie scheinen es zu wissen. Mit einer manchmal schon provokanten Ruhe überqueren sie selbst große Hauptstraßen in und außerhalb von Städten, bleiben stehen und starren die Autos an, die sie wie Slalomstangen umkurven. Oder legen sich hin und käuen wieder oder dösen. Sollte tatsächlich mal eine Kuh angefahren werden, kommt sie schnellstens in ein Krankenhaus, in dem alles unternommen wird, damit sie dieses unverzeihliche Malheur möglichst gut übersteht.

Hindus betrachten die Kuh als lebendes Symbol der Mutter Erde. Diesen heiligen Status bekam sie von den Indoariern - vor rund 3500 Jahren eingewanderten Hirtennomaden -, die bei Opferritualen diverse Milchprodukte verwendeten. Bis heute hat sich an dem vielseitigen Einsatz nichts geändert; alles, was die Kuh von sich gibt, wird verwertet. Die Milch landet im Tee, wird zu Lassi - einer Art Joghurt - oder zum Butterschmalz "Ghee" verarbeitet. Dem Urin wird heilende Wirkung nachgesagt, und Kuhfladen dienen als Brenn- und Baumaterial.

Nicht zu unterschätzen ist auch ihre Funktion als Recycling-Unternehmen. Lebensmittelreste, Papier, Karton, Stoffreste und noch vieles mehr verputzen die heiligen Tiere. Was dabei herauskommt, wird dann wieder verwendet. Es besteht also überhaupt kein Bedarf, die Straßen zum Beispiel nach einem Markt zu säubern. Die Müllabfuhr muss nicht extra gerufen werden, oft ist sie schon früher da als gewünscht und bedient sich an den Ständen. Das zu unterbinden, ist ein heikles Unterfangen, denn forsches Auftreten gegenüber einer Kuh wird gar nicht gern gesehen. Was über eindringliche Überredungskünste und festes Streicheln hinausgeht, kann unerfreuliche Folgen haben.


Und weil die Kühe so gut behandelt und geachtet werden, wirken sie in der Regel sehr entspannt. Autofahrer, Radler und Fußgänger brauchen also keine Angst zu haben, von wahnsinnigen Rindviechern überrannt und aufs Horn genommen zu werden. So viel Vertrauen den restlichen Verkehrsteilnehmern entgegenzubringen, ist jedoch nicht ratsam. Also: hupen, hupen, hupen.


Angebot

Die Beiträge auf diesen Seiten sind Beispiele meiner Arbeit. Benötigen Sie Texte, Bilder etc. für Online oder Print? Oder Hilfe für einen Webauftritt?

>> Kontakt
 
© 2016 Peter Hocke