ph15.deStories - Am heiligen Seeph15.de
Stories

Galerie

Webdesign

Moderne Kunst

Moderne Fotografie

Schmuck

Cartoon

Kontakt

Impressum

Partner & Co
1 2 3 4 5

Startseite



 
Am heiligen See
 
Indiens Städte sind nicht gerade Oasen der Ruhe. In Delhi, Bombay und Co dröhnt das Leben. Ausnahmen sind selten. Eine davon ist Pushkar. Rund 300 Kilometer südwestlich von Delhi schmiegt sich das friedlich-beschauliche Städtchen malerisch an einen kleinen See. Dieser ist den Hindus heilig und macht den Ort zu einem äußerst wichtigen Wallfahrtsziel. Obwohl auch Pushkar nicht vom Tourismus und seinen Nebenwirkungen verschont blieb, hat es einiges von seiner ursprünglichen magisch-religiösen Atmosphäre bewahrt. Die zahlreichen Ghats am Ufer des Sees - breite Treppen, die zum Wasser führen - werden vor allem zur Vollmondphase im Oktober oder November von vielen Indern für Glück bringende Waschungen genutzt. Aber auch den Rest des Jahres werden hier heilige Bäder genommen und Wasser bei reinigenden Ritualen über die Köpfe geschüttet.

Pushkar hat aber nicht nur einen heiligen See, sondern auch spezielle Regeln. Fleisch und Alkohol sind hier tabu. Obwohl dies offiziell auch für Drogen gilt, scheinen Joints nicht zu den verbotenen Freuden dieses heiligen Ortes zu gehören. Also wird Tee geschlürft, reichlich gequalmt und relaxt. Im Gegensatz zu den meisten anderen touristisch erschlossenen Orten und Regionen Indiens wird man in Pushkar auch kaum von Händlern und Ladenbesitzern bedrängt. "Come look at my shop, very cheap, make business, you must buy" heißt es hier kaum. Man fühlt sich ausnahmsweise mal nicht als wandelnder Geldsack, von dem jeder etwas abhaben will. Heiliger Frieden und Zurückhaltung scheinen hier Vorrang zu haben. Alles ist irgendwie entspannter und Business nicht so wichtig.

Wie erholsam ist doch dieser Ort nach Besuchen von Delhi, Agra und Jaipur. Beim Spaziergang durch die Gassen von Pushkar lande ich schließlich vor dem Rahmaji Mandir, Pushkars wichtigstem Tempel. Kaum habe ich meine Schuhe ausgezogen, spricht mich ein Inder an. Die Schuhe sollte man besser hier und nicht dort abstellen, da gehen sie bestimmt nicht verloren. Vielen Dank für diesen Tipp! und schon ist man im Gespräch. Der Tempel ist sehr interessant und er würde ihn mir gerne zeigen, denn er ist Brahmane - also ein hinduistischer Priester - und kann mir alles ganz genau erklären. Danke Danke, doch ich brauche keinen Führer. Aber er macht es doch gerne und es kostet auch nichts. So, so. Von der Illusion, dass es in Indien - auch hier - irgendetwas geben könnte, das nichts kostet habe ich mich schon lange verabschiedet. Zumindest für Touristen. Und so einer bin ich nun mal, es ist nicht zu übersehen. Knapp zwei laufende Meter, blond und mit ´nem Fotoapparat vor dem Bauch, nein das kann kein Inder sein. Ob er sich denn da ganz sicher ist, frage ich ihn - absolut, beteuert er und legt noch einen drauf: This is not a shopping-place! Und das mit leicht entrüsteter bis gekränkter Miene. Treffer. Diese für indische Verhältnisse eher ungewöhnliche Gefühlswallung zeigt bei mir Wirkung. Ich bin geneigt ihm zu glauben. Mehr noch: ich fühle mich irgendwie schlecht. Wie konnt´ ich nur? Dass dieser hilfsbereite Mann es nur auf mein Geld abgesehen hat? Also nein! Glaub´ doch mehr an das Gute im Menschen! Auch an touristischen Orten. Auch als Geldsack. Auch wenn's schwer fällt.

Der Tempel sowie die Erklärungen meines Brahmanen sind schon interessant aber nicht wirklich spektakulär. Außerdem ist es schon der x-te indische Tempel und irgendwann macht sich einfach eine gewisse Übersättigung breit. Wenigstens bei mir. So ist es auch nicht allzu schlimm, dass die Führung nicht lange dauert. Als wir den Tempel verlassen, meint der Brahmane, ich solle doch noch mitkommen zum Brahma-Ghat, er möchte mir auch dieses zeigen. Klingt interessant, zumal ich mich von den Ghats bisher ferngehalten habe, da Nicht-Hindus dort eigentlich nichts verloren haben.

Auf einer der Stufen des Ghats deutet mir mein Brahmane, ich solle mich hinsetzen, damit er mit mir ein Gebetsritual vollziehen kann. Klingt auch interessant. Während des Rituals stellt er mir ein paar Fragen, spricht einige Gebete und gibt mir ein paar Rosenblätter, die ich in den See werfen soll. Gegen Ende der Zeremonie soll ich an einen verstorbenen Menschen denken, der mir nahe stand und ihm etwas wünschen. Gesagt, getan. Dann ist es soweit. Ich hab´s gewusst! Also doch! Geld! Er versucht es geschickt zu verpacken. Ich soll ein Dinner zu Ehren des Menschen, an den ich bei der Zeremonie gedacht habe, spendieren und ihm mitteilen wie üppig das Dinner ausfallen soll - wie viele Leute sollen daran teilnehmen? Ach ja, das Dinner kostet übrigens pro Nase 300 Rupien, rund 15 Mark. In Indien kann das mehr als ein Monatseinkommen sein. Und ordentliche indische Feste haben mindestens dreistellige Besucherzahlen. Dinner for one ist hier nicht vorgesehen.

Glücklicherweise trifft mich diese Keule nicht gänzlich unvorbereitet. In einem Reiseführer wurde vor den selbsternannten Brahmanen in diesem Ort gewarnt. Also zwei Mal tief durchatmen, leichtes Lächeln aufsetzen und Angebot unterbreiten. 20 Rupien. Was? Nein, nein, ich hätte da irgendetwas missverstanden. Also, wie viele Dinner möchte ich spendieren? Ich sage erst mal nichts. Dann: 20 Rupien. Mein Brahmane kann es nicht fassen. Wäre mir denn die Person denn nichts Wert? Das kann doch nicht mein Ernst sein! 20 Rupien. Stur bleiben und lächeln. Aber das geht doch nicht und überhaupt. Langsam reicht es mir: "Somebody told me, this is not a shopping place". Starrer Blick. Versteinerter Blick. Durchbohrender Blick. Aber kein Wort. Im Eilverfahren wird die Zeremonie beendet und wir erheben uns.

Auch wenn er sich noch so entsetzt gibt, wirklich böse scheint er jedoch nicht zu sein. Wir gehen zurück zum Spendenaltar, dem Sammelplatz der Brahmanen, ich gebe ihm die 20 Rupien, er nimmt sie und stopft sie in den Spendenschlitz. Die anderen schauen ihn fragend an, sie wechseln ein paar Worte. Einer der Brahmanen grinst. Dann auch die anderen. Mein Brahmane versucht, keine Miene zu verziehen. Scheint wohl nicht so schlimm gewesen zu sein, dass er mit ziemlich mäßiger Ausbeute zurückkam. Alles nicht wirklich wichtig. Oder?

Ein komisches Gefühl bleibt. Und Fragen. Mit wie viel hat er wirklich gerechnet? Was "spenden" andere? Wie ernst war es ihm wirklich? Wie ernst soll ich es nehmen? Werden Touristen überall als wandelnde Geldsäcke gesehen? Und wenn ja, zu recht?

Tja. Erst mal entspannen. Und ´nen Tee ...


Angebot

Die Beiträge auf diesen Seiten sind Beispiele meiner Arbeit. Benötigen Sie Texte, Bilder etc. für Online oder Print? Oder Hilfe für einen Webauftritt?

>> Kontakt
 
© 2016 Peter Hocke